10.09.2019

Amazonas-Regenwald

Amazonas-Regenwald – Wort des Tages – EVS Translations
Amazonas-Regenwald – Wort des Tages – EVS Translations

Bei dem Wort „Regenwald“ denken die meisten von uns, wenn sie nicht gerade in einem der anderen Regenwälder unserer Erde leben, an den Amazonas-Regenwald. Dieses größtenteils in Brasilien gelegene Gebiet ist nicht nur der größte Regenwald der Welt, sondern auch der Ort mit der weltweit größten Biodiversität. Viele Menschen verfolgen die Berichte und Artikel über die derzeit dort wütenden Brände, deren Ausmaß das der meisten Brände im gesamten letzten Jahrzehnt in den Schatten stellt, daher mit großer Bestürzung. Und doch, bei all den mystischen, faszinierenden und vielgestaltigen Geheimnissen, die der Wald birgt, beschwört sein Name bei den meisten Menschen zunächst einmal die typischen Bilder eines dichten Dschungels herauf. Nutzen wir also diese Gelegenheit, um ein wenig mehr über den Amazonas-Regenwald zu lernen und die Fakten von der Fiktion zu trennen.

Den Grundbestandteil des zusammengesetzten Begriffs, also das Wort Regenwald, schuf A.F.W. Schimper für sein 1898 veröffentlichtes Werk „Pflanzengeographie“. Per Lehnübersetzung gelangte der Begriff später auch in die englische Sprache (rainforest). Im Englischen wie im Deutschen verbindet das Kompositum die Konzepte Regen und Wald. Das deutsche Wort Regen stammt ebenso wie das englische Wort rain aus dem Althochdeutschen (regen) und dem englischen Wort forest ist seine althochdeutsche Wurzel (forst), die wiederum von dem lateinischen foris, einer Waldung außerhalb des gemeinhin bekanntes Bereichs, abgeleitet ist, noch deutlich anzusehen.

Wissenschaftlich betrachtet sind Regenwälder Wälder, in denen besonders viel Regen fällt, nämlich typischerweise mehr als 2000 mm im Jahr. In tropischen Regenwäldern wie dem Amazonas-Regenwald herrscht noch dazu das ganze Jahr über ein warmes, humides Klima.

Das spezifisch „Amazonische“ an unserem Regenwald geht begrifflich auf die erste Berührung zwischen den Einheimischen und den Europäern zurück. Auf seiner Entdeckungsreise rund um den ursprünglich als Marañón bekannten Fluss traf der spanische Entdecker und Konquistador Francisco de Orellana im 16. Jahrhundert auf Krieger der Pira-Tapuya, die von Frauen angeführt wurden. Ganz offenbar sattelfest in griechischer Mythologie fühlte sich Orellana von den kriegerischen Frauen an die von Herodot und Diodor beschriebenen Amazonen erinnert und benannte den Marañón kurzerhand in Rio Amazonas („Fluss der Amazonen“) um. Das Einzugsgebiet des Flusses wiederum erhielt den Namen Amazonien, sodass wir den darauf befindlichen Regenwald heute folgerichtig als Amazonas-Regenwald bezeichnen.

Bei der Betrachtung des entsprechenden englischen Begriffs „Amazon rainforest“ mag es überraschen, dass der geografische Bestandteil „Amazon“ älter ist als das Wort „rainforest“. Erst 1903 schreibt William Rogers Fisher in seiner Übersetzung (Plant-geography upon a physiological basis) von A. F. W. Schimpers Werk: „The Rain-forest is evergreen, hygrophilous in character, at least thirty meters high, but usually much taller.“ Nur ein gutes Jahrzehnt später wird in einer Ausgabe der Publications of the Carnegie Institution of Washington des Jahres 1914 festgestellt: „The rate of growth in the montane rain-forest region is much slower than it is in the vegetation of the lowlands“ und damit der Erkenntnis Rechnung getragen, dass weniger das Klima als vielmehr der Niederschlag dem Regenwald seine Gestalt verleiht. Der erste schriftliche Beleg für den Begriff „Amazon“ (damals noch „Amazonia“) findet sich jedoch bereits fast ein Jahrhundert früher. So heißt es in der August-Ausgabe des Jahres 1814 des in Philadelphia herausgegebenen Literatur- und Politikmagazins The Port Folio: „The action of a vertical sun on the winterless plains of Brazil or Amazonia.“

Auch über seinen Namen hinaus lässt sich über den Amazonas-Regenwald allerlei Wissenswertes in Erfahrung bringen:

  • Der Artenvielfalt in dem Regenwald können wir uns zwar mit ein paar Zahlen annähern – so beheimatet das Amazonasgebiet wohl 2,5 Millionen Insektenarten und etwa 20 % aller Vogel- und Fischarten – tatsächlich müssen wir jedoch zugeben, dass wir angesichts der schieren Größe, der Vielfalt und auch der Gefahren des Gebiets schlicht nicht wissen, was sich in dem Wald alles verbirgt – bzw. wer! Schätzungen zufolge leben im Amazonas-Regenwald nach wie vor 50 bis 70 Stämme, die noch nie Kontakt zur Außenwelt hatten.
  • Obwohl man vom „Regenwald“ spricht, gibt es dort eine Trockenzeit. Naturgemäß treten Waldbrände typischerweise während dieser Trockenzeit auf, wobei viele Brände durch unkontrollierte, illegale Brandrodungen verursacht werden. Die Berichterstattung und die Bilder mögen eindringlicher erscheinen als je zuvor, die Brände selbst sind jedoch kein neues Phänomen. Durch die Dürreperiode im Jahr 2003 beispielsweise gab es im brasilianischen Amazonasgebiet zu dieser Zeit sogar noch mehr Brände als in diesem Jahr.
  • Dem an der Universität Oxford tätigen Professor für Ökowissenschaften Yadvinder Singh Malhi zufolge ist es nicht korrekt, dass der Amazonas-Regenwald 20 % des Sauerstoffs unseres Planeten produziert. Berücksichtigt man alle Ökosysteme an Land und zu Wasser, so produziert der Amazonas-Regenwald etwa 9 % des weltweiten Sauerstoffs. Bezieht man jedoch die Atmung der Pflanzen im Regenwald mit ein und rechnet auch die Sauerstoffmenge heraus, die bei dem Zersetzen toter Materie verbraucht wird, so zeigt sich, dass der Amazonas-Regenwald beinahe genauso viel Sauerstoff verbraucht, wie er erzeugt.

 

Ganz ähnlich wie von den erstmals von Herodot beschriebenen Kriegerinnen geht vom Amazonas-Regenwald tatsächlich eine fremdartige, faszinierende Ausstrahlung aus. Seine Zerstörung ist schwer zu ertragen, doch leider können die meisten von uns wenig zu dem Kampf gegen die Brände beitragen und auch unser Einfluss auf die lateinamerikanische Innenpolitik ist begrenzt. Es bleibt zu hoffen, dass wir es durch Bildung und ein besseres Verständnis des Ökosystems schaffen, den Regenwald künftig besser zu schützen.